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Anekdoten

 

Anekdoten aus 1000 und 1 Nacht
Geschichten aus dem Orient - Wissenswertes und Nachdenkliches

Mit Lubna im Hammam
Orientalische Badehauskultur
Jeden Dienstag geht Lubna ins Hammam. Dienstags ist Frauenbadetag. Mit einer großen Tasche bepackt steht sie punkt 15 Uhr vor der Türe und wartet, dass das Badehaus seine Tore öffnet. Während Männer immer in ein öffentliches Bad gehen können, sind Frauen in der Regel auf bestimmte Zeiten und bestimmte Bäder angewiesen. Und in diesem Hammam ist der Dienstag Nachmittag alleine für die Frauen reserviert.
Für Lubna sind diese Stunden jedes Mal ein Fest, denn dann trifft sie ihre Freundinnen. Und an welchem anderen Ort kann man sich so ungestört und frei bewegen, wie in diesem geschlossenen Mikroorganismus? Das Hammam, in Europa vor allem als „türkisches Bad“ bekannt, ist eine jahrhundertealte orientalische Institution. Der Islam schreibt seinen Anhängern strenge Hygiene vor. Vor jedem Gebet muss sich der Gläubige waschen, weswegen sich auch in jedem Moscheehof ein Brunnen befindet. Es gibt fast kein arabisches Märchen ohne Badehaus und nur wenige alte Erzählungen, in denen das Hammam nicht zumindest eine Nebenrolle spielt. Das Hammam ersetzt den Frauen das Teehaus, denn hier halten sie sich viele Stunden auf, hier werden Geheimnisse ausgetauscht, hier werden Pläne geschmiedet, hier erfahren die kleinen Jungen zum ersten Mal etwas von der weiblichen Sexualität, schließlich dürfen sie - so lange sie noch klein sind - mit den Frauen baden. Und so (über)lebt hier ein Urstück orientalischer Kultur, aller Moderne zum Trotz.

Kurz nach drei ist es soweit: Die Türen öffnen sich und die Frauen gehen in das Baraani, den Umkleide- und Ruheraum. Bereits jetzt hat Lubna ihre Freundinnen Abir und Umayya getroffen. Sie reden und reden, während sie sich umziehen. Dann werden die Kleider zu einem Bündel gebunden und abgegeben. Mit einem Schwamm und einer Seife bewaffnet, zieht es sie nun in das Innere des Hammams. Die ersten Frauen und Kinder sind bereits im Bad und so folgen die drei Freundinnen einfach dem Lärm. Erst geht es durch einen Gang, einen alten gemauerten Gang. Es wird langsam wärmer, aber noch frösteln die Frauen. Sie nehmen kaum wahr, wie dunkel es ist. Und dann kommen sie zum Baderaum. Sie öffnen die Türe – und: Dicke Rauchschwaden in einer höllisch heißen Temperatur umfassen sie, tragen sie davon; hinein in den ohrenbetäubenden Lärm der Kinder.

Es ist stockfinster im Inneren, dem Juwaani, und nur langsam gewöhnen sich die Augen von Lubna an die Dunkelheit. Sie weiß, warum es hier so dunkel ist und erzählt es den anderen beiden, die sich, wie jeden Dienstag, darüber beschweren. „Früher, als Männer noch nicht so vernünftig waren“ sagt sie, „trafen sie sich zu den Frauenbadestunden auf dem Dach des Hammams, um den Frauen durch die Dachluken zuzusehen.“ „Und dann?“ fragen Abir und Umayya erwartungsvoll , „Nun, den Frauen machte das an sich wenig aus, sie fanden das lustig, doch Ihr kennt doch die Alten in diesem Viertel, sie waren der Meinung, all dies hier sei verwerflich. Und so mauerten sie kurzerhand diese Dachluken zu und ließen nur die kleinen grünen gläsernen Dachziegel übrig, die dem Raum jetzt Licht geben“, antwortet Lubna mit einem verschmitzten Lächeln. Abir und Umayya lachen. Ihre Augen haben sich an die Dunkelheit gewöhnt. Tatsächlich ist es so, dass während der Männerbadestunden meist elektrisches Licht brennt, während es im Inneren dieses traditionellen Hammams zur Zeit der Frauenbadestunden meist dunkel bleibt.
Zuerst müssen die Frauen in den Dampfraum. Ein klitzekleines Zimmerchen, nicht größer als eine 3-Personen Sauna. Die drei Freundinnen setzen sich. Es ist irrsinnig heiß. Sie bleiben ein paar Minuten, bis auch wirklich alle Poren geöffnet sind und gehen dann zurück ins Hauptbad. Erfrischend kühl wirkt es hier nach dem Dampfraum. Sie suchen sich eine leere Ecke, ein kleines Bassin, wo sie sich niederlassen können. Doch bevor sie dies tun, reinigen sie den Boden und die Wand. Lubna nimmt einen der Becher, der im Bassin schwimmt, schöpft Wasser und wirft es gegen die Wand, während sie „bismillah“ ruft. Sie ruft den Namen Gottes auf, denn ein Hammam ist ein Ort, an dem sich mit Vorliebe Geister, so genannte Djinn, aufhalten. Und damit diese keinen Schindluder treiben, werden sie mit dem Namen Allahs vertrieben.
Die Frauen setzen sich. Mit den Bechern schütten sie das warme Wasser über ihre Schultern. Wasser rinnt über ihren Rücken, Seife wird geschmiert, der Körper einbalsamiert. Dann beginnt die eigentliche Arbeit: Das Abschrubben der alten Hautschichten. Dazu wird ein harter Waschlappen benutzt, der kräftig auf den entsprechenden Körperpartien auf- und abgerieben wird. Schwarze Krümel bilden sich. Das ist das Ziel. Die Frauen schrubben sich gegenseitig, erzählen sich alles, was in der vergangenen Woche passiert ist, und so vergehen Stunden und Stunden. Sie genießen es, einmal ohne die Kinder unterwegs zu sein. Diese sind bei der Mutter von Lubna geblieben. Eine Masseurin kommt. Sie möchte Lubna massieren. Eigentlich hat sie es gerne, doch heute will sie lieber mit ihren Freundinnen alleine plaudern.

Gesellschaftliches Leben ist im Orient ohne das Hammam nicht denkbar. Hier werden nicht nur Neuigkeiten ausgetauscht, Heiratspläne geschmiedet – schließlich können hier junge Frauen in ihrer ganzen Pracht und ihrer Anmut von potenziellen Schwiegermüttern bestaunt werden – hier wird geknetet und massiert, gewaschen und poliert. Kleine Kinder werden in die mitgebrachten Eimer gestellt, meist unter lautstarkem Protest, und abgeschrubbt. Ja, im Hammam kommt alles weg: die alten Hautschichten, die abgestorbenen Haare, die Schamhaftigkeit und — zumindest während der Frauenbadestunden — die viel gelobte weibliche Zurückhaltung. In jeder Stadt, sogar in jedem Dorf gibt es diese öffentliche Badeanstalt. Denn auch im 21. Jahrhundert verfügt nicht jedes Haus über ein Badezimmer mit heißem Wasser. Und selbst diejenigen, die in ihrem Heim über eine warme Dusche verfügen, verzichten nur ungern auf dieses Vergnügen. Zum Einen, und da ist man sich einig: An keinem anderen Ort der Welt kann man so sauber werden wie in einem Hammam. Zum Anderen ist es schlicht und einfach ein angenehmer Ort. Hier kommt man mit den Menschen zusammen, die in der Umgebung wohnen, hier trifft eine Europäerin auf Frauen, die sich offen und ungezwungen mit anderen unterhalten wollen. Und das Hammam ist ein lebendiger Ort. Gerade vor den hohen Feiertagen sind sie völlig überfüllt, ein Platz zum Sitzen ist schwer zu finden und die Heizer machen die Temperaturen besonders heiß, damit es niemand lange in den Räumen aushält. Trotzdem, oder gerade deswegen ist die Stimmung in genau diesen Tagen die beste.




Muriel Brunswig-Ibrahim in: KulturSchock Vorderer Orient, Verlag Reise Know How

 
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