eine Seite zurück zurück | drucken Aktuell | Geschichten aus dem Orient 

Anekdoten

 

Anekdoten aus 1000 und 1 Nacht
Geschichten aus dem Orient - Wissenswertes und Nachdenkliches

Einkaufen für Fortgeschrittene
Käufer: Friede sei mit dir! Was für ein schöner Tag. Wie geht es dir, oh du Besitzer dieses wunderbaren Geschäftes?

Verkäufer: Und mit dir sei auch Friede! Danke, es geht mir gut. Komm doch herein und setze dich. Sicherlich bist du sehr müde vom vielen Laufen. Darf ich dir einen Tee bringen?

Käufer: Ja, gern. Wahrlich, ich bin schrecklich müde. Ein Tee wäre gut. Gott möge dich dafür segnen.

Verkäufer: Geht es dir auch gut? So setz’ dich doch! Geniesse einfach das Sitzen in meinem kleinen bescheidenen Laden.

Käufer: Ah, der Tee tut gut. Wie gut kannst du ihn doch zubereiten! Allah möge deine Hände segnen und dir Gesundheit schenken!

Es wird geschwiegen, jeder trinkt seinen Tee.

Käufer: Sage mir, oh mein Bruder, dieser Teppich hier, was mag der wohl kosten?

Verkäufer: Bruder, unter uns herrscht doch Einigkeit, was soll ich dir den Teppich verkaufen, ich schenke ihn dir!

Käufer : Nein, nein, nie würde ich so ein grosszügiges Geschenk annehmen! Sage, mein Bruder, was soll er denn nun kosten?

Verkäufer: Nun gut, weil du es bist, werde ich dir einen Preis nennen. Einen, der so gut ist, dass ich keinen Piaster daran verdiene. Ich gebe ihn dir zu dem Preis, zu dem auch ich ihn kaufte. Sagen wir 500 Guiné.

Käufer: Aber Bruder, ich dachte, unter uns herrsche Einigkeit! 500 Guiné, das ist mehr als ich in einem Monat verdiene. Wenn ich den Teppich nun kaufe, wird meine Frau wie eine Bestie über mich herfallen, weil ich das ganze Geld für einen Teppich statt für Fleisch ausgegeben habe. Nein mein Bruder, beim besten Willen, so geht das nicht!

Verkäufer: Aber sieh doch, wie schön er gewebt ist. Aber weisst du, Bruder, ich kenne die Frauen. Meine ist auch so. Weil du es bist und weil wir doch zusammenhalten müssen, werde ich dir diesen Teppich für 450 Guiné geben. Was denkst du?

Käufer: Oh, schau nur. Du gehst ja gar nicht runter. Wie soll ich das meiner Frau nahe bringen! Nein, schau, sagen wir 200 Guiné und ich kann ihr noch ein schönes Schmuckstück kaufen, dann wird sie glücklich sein und Fleisch bekommen wir auch.

Verkäufer: Bei den Augen meiner Kinder, 200 Guiné? Das geht nicht. Ich habe auch eine Frau und vier Kinder. Und wenn sie erfährt, dass ich diesen wertvollen Teppich für nur 200 Guiné verkauft habe, dann wird sie mich töten. Sei gnädig und gib mir noch ein wenig mehr.

Käufer: Nun, wir sind doch Brüder. Zwischen uns herrscht Einigkeit. Treffen wir uns in der Mitte, sagen wir 300 Guiné und jeder wird am Abend seiner Frau mit bestem Gewissen in die Augen sehen können.

Verkäufer: Freund, sagen wir 350 Guiné und du hast einen wunderbaren Kauf gemacht.

Käufer: Gut, so soll es sein. Möge Allah dich und die Deinen beschützen.

Verkäufer: Gott möge deinen Kauf segnen.

Käufer: Und auch dich möge er segnen.

Der Verkäufer ruft einem kleinen Jungen im Basar zu, er solle noch einen Tee bringen, der Junge bringt den Tee. Nach zwei Stunden verabschieden sich die beiden Männer voneinander – beide im Gefühl, ein gutes Geschäft gemacht zu haben.

Muriel Brunswig in: Ägypten Travel Handbuch, Stefan Loose Verlag

 
nach oben



all rights reserved © 2018

www.karvanserail.com