eine Seite zurück zurück | drucken Aktuell | Geschichten aus dem Orient 

Anekdoten

 

Anekdoten aus 1000 und 1 Nacht
Geschichten aus dem Orient - Wissenswertes und Nachdenkliches

Mit Ahmad im Kaffeehaus
„Die Jungen, die wollen das hier nicht. Die gehen in die Neustadt, wo sie den Mädels hinterher schauen können. Die findet man hier nicht. Hier sind nur noch wir. Wie eine Reliquie aus alter Zeit“. Sagt es und schlürft ganz langsam seinen Kaffee. „Hm, genau richtig ist er. Masbut. So muss er sein. Nicht zu viel, nicht zu wenig Zucker. So was können die mit ihren modernen Dampfmaschinen doch gar nicht herstellen – die mit ihren Plastikgeschirr und ihren Plastikstühlen. Nein, so was wie diesen Kaffee gibt es nicht noch einmal“. Seufzt und lehnt sich zufrieden zurück.
Ahmad ist einer der älteren Generation. Er ist Lehrer und steht kurz vor seiner Pensionierung. Jeden Tag, wenn die Schule vorbei ist, marschiert er direkt in sein Kaffeehaus, in das „ahwa“ – das Café der Männer. Dort trifft er seine Freunde, dort kann er in aller Ruhe Wasserpfeife rauchen und Backgammon, tawla, spielen. Hier findet er das, was er daheim vermisst: Entspannung. Daheim rasen die Kinder um ihn herum, seine Frau belästigt ihn mit solch’ unwichtigen Dingen, wie Geldsorgen und Heiratsplänen der Töchter und möchte wissen, wann er endlich wieder einmal Fleisch nach Hause bringt. In seinem Ahwa sind diese Sorgen ganz weit weg. Also sitzt er hier Tag für Tag, schlurft seinen Tee oder seinen Kaffee und ist froh, ein Mann zu sein.
Das Kaffeehaus, oder auch Teehaus genannt, ist das öffentliche Wohnzimmer vieler Orientalen; der älteren Orientalen – zumindest hier im Vorderen Orient. Während in Ägypten, der Türkei und den Maghrebstaaten auch die Jugend sich gerne den Tag im Ahwa vertreibt, werden es im Vorderen Orient immer weniger, die diesen traditionellen Ort aufsuchen. Die Jungen zieht es in die modernen Cafés der Neustadt oder in die schick aufgemachten Cafés, die sich hinter Altstadtmauern verbergen. Sie möchten lieber amerikanische Softdrinks genießen, der Musik von Shakira lauschen und die Mädels anschauen, die sich hier einfinden. Sie langweilen sich in den alten Kaffeehäusern, wo es nichts anderes zu sehen gibt, als die anderen – und manchmal auch einen Fernseher, der Tag und Nacht läuft. Hier gibt es keine laute Musik, hier gibt es nur das Blubbern der Wasserpfeifen – und das Gehupe der Autos auf der Straße.
So kommt es, dass in den Städten des Nahen Ostens immer mehr der Kaffeehäuser schließen müssen, wie z.B. das legendäre Café Zentral in Amman oder das Ahwa Hidschaz in Damaskus: Sie sind pleite gegangen, mussten Neubauten weichen. Neue Teehäuser werden nicht mehr gebaut. Und damit stirbt ein uraltes Stück arabischer Kultur. Denn das Kaffeehaus ist, ähnlich wie die Moschee und der Suq, eine der ältesten orientalischen Institutionen und eine der wichtigsten sozialen der traditionellen Welt. Denn Kaffeetrinken, was später dann mehr und mehr vom Teetrinken verdrängt wurde, war schon zu früher Zeit eine wichtige soziale Angelegenheit. Längst sind auch die alten Geschichtenerzähler gegangen – außer im Café Noufara in Damaskus, dort aber erzählt der Mann seine Geschichten von Laila und Magnun, den arabischen Romeo und Julia, nur noch den Touristen, die dafür bezahlen. Ihre Funktion – einst so wichtig für die Menschen – wurden von modernen Radios und Fernsehen übernommen.
Der Kaffee hat eine lange Tradition in der arabischen Welt: Die ersten Muslime, die das schwarze Getränk brauten, waren Sufis, islamische Mystiker, die diese Bohne im 13. Jh. aus Ostafrika in den Jemen brachten. Angeblich sollen sie Ziegen beobachtet haben, die diese Bohnen fraßen und dann einfach nicht mehr einschliefen. Und da sie lange Nächte voller Meditation vor sich hatten und immerzu gegen den Schlaf kämpfen mussten, probierten sie diese magische Bohne selbst. Sie rösteten und mahlten sie – und brühten das Pulver zu einem Sud auf, der ihnen half, die langen Nachwachen voller Beten zu überstehen. Von ihnen, die in der Hafenstadt Mocha (daher der Namen Mokka) lebten, gelang das Getränk in den arabischen Orient, und von dort nach Istanbul, an den Hofe des osmanischen Herrschers brachten. Und hier, in dieser Stadt, die bis heute eine hohe Dichte an Kaffeehäusern aufweist, entstand 1554 das erste Ahwa, das erste Kaffeehaus. Eröffnet wurde es von zwei Syrern, deren Idee sehr schnell von der Bevölkerung aufgenommen wurde. Das Kaffeehaus wurde binnen kürzester Zeit zu einem Treffpunkt von Intellektuellen. Hier wurde diskutiert, debattiert, Poesie verfasst und – revoltiert. Und da es schien, als habe Istanbul seit Ewigkeiten auf diese Institution gewartet, fand sie in Windeseile Nachahmer. Ein Ahwa nach dem anderen wurde eröffnet – wurde zu magischen Anziehungspunkten. Vor allem die muslimischen Gelehrten, aber auch die Machthaber sahen diesem Treiben eher skeptisch zu. Mehr noch, sie begannen gegen die „Orte des Aufruhrs, der Trunkenheit, Wollust und der Ausschweifungen“ zu wettern – mit dem Erfolg, dass der osmanische Sultan Murat IV. Mitte des 17. Jhs. alle Kaffeehäuser schließen und den Genuss von Kaffee verbieten ließ. Doch die findigen Türken wussten sich zu helfen: Brauten den Kaffee nun auf offener Straße und tranken ihn am Straßenrand. Das Verbot der ahwas wurde aufgehoben – Kaffeehäuser institutionalisiert.

Von Istanbul aus wanderte die Idee südwärts, und vor allem in Ägypten, wo man auch versuchte, die gesunde Wirkung der Bohne zu beweisen, fand Kaffee reißenden Absatz. Von hier aus verbreitete sich das heiße und bittere Getränk westwärts Richtung Maghreb, genauer gesagt, bis nach Tunesien. Algerien und Marokko waren von einer traditionellen Kaffeehauskultur nur am Rande berührt. Sie wurden später vor allem von der französischen Café-Kultur geprägt. Doch in den anderen Ländern der islamischen Welt sind ahwas kaum aus dem traditionellen Bild, das wir vom Orient haben, wegzudenken. Warum sie dennoch drohen auszusterben? Ahmad weiß es: „Das Teehaus gehört uns Männern. Es ist doch nicht zu glauben, dass nun die Frauen auch noch diese letzte Domäne erobern wollen. Nicht zu glauben!“ Sagt es und schüttelt den Kopf. Dann schaut er sich um. Zwei Touristinnen betreten sein „Wohnzimmer“, ordern Tee und ein Backgammon-Brett. Sie beginnen zu spielen. Ahmad schlürft geräuschvoll seinen Tee und schnalzt mit der Zunge. So, als wolle er damit seinen Unmut zum Ausdruck bringen. „Warum bleibt sie nicht daheim? Wie das eine anständige Frau machen sollte? Warum trifft sie sich nicht wie unsere Frauen zuhause oder im Hammam? Kapieren die denn nicht, dass dies unser Bereich ist, der Außenbereich? Frauen haben hier nichts verloren. Von mir aus sollen sie sich auch in den modernen Cafés treffen. Aber dann doch nicht mit Männern! Wo bleibt denn da der Anstand?“ Ahmad versinkt in resigniertes Schweigen. Dann ganz langsam blickt er wieder auf. Sagt: „Lieber möchte ich gar nicht mehr im Ahwa sitzen, als es mit Frauen teilen. Die gehören hier einfach nicht hin“. So ist das Kaffeehaus ein Relikt aus chauvinistischen Tagen. Ein Relikt, das dort, wo die Moderne greift und Frauen den Innenbereich verlassen und langsam beginnen, den Außenbereich zu erobern, verschwindet – verschwinden muss, oder sich aber, wie z.B. in Maghreb der neuen Situation anpasst. Denn hier entstehen neben den traditionellen Männercafés immer mehr moderne Cafés, in denen Männer und Frauen, alte und junge miteinander sitzen. Sie trinken mal Coke, mal Café au lait. Und lauschen gemeinsam den Klängen des Rai. Doch hier, im Libanon, in Jordanien, Palästina und Syrien scheint dies unmöglich. Hier gibt es die Cafés der Alten und der Jungen. Streng voneinander getrennt. Und die Häuser der Jungen verdrängen die der Alten immer mehr. So dass ein Stück uralte orientalische Tradition verloren geht. Schade.



Muriel Brunswig-Ibrahim in: KulturSchock Vorderer Orient, Reisen Know How

 
nach oben



all rights reserved © 2018

www.karvanserail.com