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Anekdoten

 

Anekdoten aus 1000 und 1 Nacht
Geschichten aus dem Orient - Wissenswertes und Nachdenkliches

Leben in der Wüste
Zu Besuch bei Beduinen

Das Haus ist aus Ziegenhaar geflochten. Braune, lange Bahnen hat Noura gewebt. Tagelang hat sie dafür aus den Haaren ihrer Ziegen Wolle gesponnen, in mühsamer Handarbeit. Dabei hat sie mit den anderen Frauen geplaudert, über das Wetter, die Tiere, die Kinder. Den Webrahmen hat Dschamal, ihr Mann, selbst errichtet. Er hat ihn aus langen Hölzern gebaut und diese so abgemessen, dass die Bahnen die richtige Breite für das neue Zelt haben, genau 70 cm.
Insgesamt stehen vier Zelte hier, wo auch Noura und Dschamal mit ihren Kindern leben. Es ist inmitten des Wadi Rum, der schönsten Wüste des Vorderen Orients. Die Öffnung ihrer Behausung liegt windgeschützt, der Boden ist eben und die nächste Wasserstelle nicht zu weit. Sie wussten, dass hier ein optimaler Platz war, als sie kamen. Der Vater von Dschamal hatte ihn ausgesucht. Er ist der Stammesälteste und das Oberhaupt der Zeltgruppe. Ihm gehört das größte und schönste Zelt, das er mit seiner Frau und den zwei Töchtern, die noch nicht verheiratet sind, bewohnt. In den anderen drei Zelten leben allesamt Söhne von Dschamals Vater mit ihren Frauen – und eine davon ist Noura. Und obschon ihr Zelt nicht das größte ist, so ist sie doch stolz darauf, denn sie selbst hat es hergestellt. Sie hat die Bahnen so eng gewebt, dass sie regenundurchlässig sind, der Wind aber noch durchgeht. Der Fettgehalt des Ziegenhaars tut das Seine, damit ihr Zuhause auch bei Regen trocken bleibt. Außerdem hat sie die traditionellen Muster beibehalten und auch die Teppiche gewebt, die auf dem Boden liegen. Sie hat die Matratzen genäht, die Decken bestickt, das Wasserbehältnis gefertigt, den Buttersack und all die Dinge hergestellt, die ihr Heim behaglich machen.
Wie alle Zelte ist auch das von Noura und Dschamal dreigeteilt. Vorne ist der Männerbereich; hier befindet sich die Feuerstelle. Weiter hinten ist der Schlafbereich zusammen mit dem Familienbereich und außen befindet sich der Küchentrakt. Noura und Dschamal haben eine Gasflasche, auf der sie kochen. Sie sind froh, nicht mehr alles auf dem offenen Feuer machen zu müssen, denn Holz ist rar geworden – vor allem hier, in der Wüste. Und doch wird es jeden Abend angemacht. Dann nämlich, wenn es kalt wird und sich die Familie zusammen um das Feuer setzt. Oder dann, wenn ein Gast kommt. Denn dann beginnt eine Zeremonie, die genau so seit Jahrhunderten zelebriert wird und mit der man dem Gast eine Ehre erweisen möchte – eine Ehre, die Geduld braucht und Zeit. Denn das traditionelle Kaffeekochen braucht hier, in diesem Teil der Welt, hier bei den Beduinen ein bis zwei Stunden. Zunächst wird im Gästetrakt, d.h. dem Männerbereich, manchmal auch außerhalb des Zeltes ein Feuer entfacht. Auf diesem werden, in einer flachen Metallschale Kaffeebohnen geröstet. Ganz langsam und stets in Bewegung. Sobald die Bohnen braun sind, werden sie in einen Mörser, der nicht selten mit besonderen Mustern verziert ist, gefüllt und dann ganz langsam mit dem Stößel zermahlen. Dies ist eine schwere Aufgabe, die nach Meinung der Beduinen nur ein Mann vollziehen kann. Der steht dazu nämlich auf (der Stößel ist fast mannshoch) und in rhythmischen Bewegungen geht der Holzstock auf und ab, auf und ab... Wann die Bohnen den rechten Pulvergrad erreicht haben, erschnuppert Dschamal. Immer wieder stoppt er in seinen Bewegungen und führt seine Nase zum Mörser. Nach über einer Stunde ist Dschamal endlich zufrieden: Ja, die Bohnen sind nun so, wie sie sein müssen. Der Kaffee wird in eine hohe Henkelkanne gefüllt, mit Wasser aufgegossen und über dem Feuer aufgekocht. Manchmal, wenn Dschamal gerade eine Ziege verkaufen konnte und Geld hat, ersteht er auf dem Suq von Amman Kardamonkapseln. Dann zerkleinert er auch diese im Mörser und gibt sie zum Kaffee dazu. Drei Mal muss der Kaffee aufkochen, dann ist er fertig. Und wird – ohne Zucker – dem Gast in einer kleinen Schale gereicht. Ist der Gast höflich, trinkt er drei Mal davon. Dann schwenkt er die Schale nach rechts und links und bedeutet damit Dschamal, dass er genug hat. Nun kommt der nächste Gast.
Noura ist währenddessen bei den Kindern im Familienteil des Zeltes. Die Jüngste ist erst ein Jahr alt und möchte gestillt werden. Draußen wird es allmählich dunkel. Licht gibt es keines. Für Notfälle haben sie eine Gaslampe, aber eigentlich brauchen sie diese auch nicht. Die Familie lebt mit dem Sonnenauf- und untergang. Die Frauen zumindest und die Kinder. So legt sich auch Noura hin, sieht durch einen Schlitz in der Zeltbahn die Männer um das Feuer sitzen, lehnt sich zufrieden zurück und schläft ein. Schließlich hat sie morgen wieder einen anstrengende Tag vor sich. Sie muss das Wasser holen, die Tiere versorgen und für die ganze Familie kochen. Sie stellt den Ziegenkäse selbst her und auch die Butter. Sie muss die Tiere melken, muss sich um den Haushalt kümmern und die Kinder. Immer sind irgendwelche Kleider zu flicken, immer ist irgendetwas kaputt, was Noura reparieren muss. Noura denkt an ihre Schwester, die in Syrien lebt. Sie ist mit einem reichen Beduinen dort verheiratet. Der ist so reich, dass ein Tankwagen ihnen das Wasser bringt. Außerdem hat der Staat dort Brunnen gebohrt für die wenigen Beduinen, die noch in der Wüste leben. Hier, im Wadi Rum ist das nicht so. Noura ist ein wenig neidisch, denn das morgendliche Wasserholen ist die anstrengendste Aufgabe von allen. Aber dann denkt sie an ihren Dschamal, denkt daran, wie lieb er ist – auch zu den Kindern, und sie denkt sich, dass sie es hier doch viel besser hat. Außerdem darf sie sich an den Unterhaltungen der Männer beteiligen, Dschamal hat da gar nichts dagegen. Ganz im Gegenteil: Er hat die Trennwand zwischen dem Gäste- und dem Familienbereich nur auf Schulterhöhe gehängt. Und wenn Dschamal während des Tages Gäste hat, ist Noura so mit dabei, wenn sie möchte. Hinter der Zeltbahn verrichtet sie ihre Arbeiten und kommentiert, was sie von den Männern hört. Sie findet das prima, zumal keiner der Gäste die Erlaubnis hat, ihre Blicke oder Worte an sie zu richten – und sie sich so nicht wehren können. Nicht selten macht sich Noura über die Männer lustig, die sich nicht wehren dürfen. Das ist ihre Art zu zeigen, dass sie eine starke und stolze Frau ist. Aber sie weiß, auch wenn es einigen Frauen wie ihr geht, so ist das doch beleibe nicht die Mehrheit. Die meisten Männer wünschen sich ihre Frauen schweigsam, zumindest dann, wenn Gäste da sind. Dschamal ist da anders. Ja, Dschamal...

Im Vorderen Orient leben heute noch ein paar hunderttausend Beduinen. Die meisten davon in Jordanien, ein paar noch im Negev und in Syrien. Sie ziehen umher, wie sie dies seit Jahrhunderten machen und folgen dabei den Traditionen ihrer Ahnen, auch wenn ihre Wege kürzer sind, auch wenn Landesgrenzen ihren Weg abschneiden und viele Beduinen zwangsweise sesshaft gemacht wurden. Natürlich haben sich auch bei den umherziehenden Familien ein paar Elemente des modernen Lebens eingeschlichen (so gibt es in Syrien häufig Tanklaster, die das Wasser für die Herden holen – oder Zelte mit Fernseher, die über eine Autobatterie betrieben werden), aber im Großen und Ganzen spielt sich das Leben der Beduinen so ab wie eh und je. Außer einem kleinen Teil, versorgen sich die Familien selbst. Sie stellen aus der Milch ihrer Tiere Käse und Joghurt her, schlachten hin und wieder ein Tier für den Fleischbedarf – und bauen, wenn dies irgendwie geht, neben dem Hauptzelt noch ein wenig Gemüse oder Kartoffeln an. Dennoch sind sie auf den Bauern und den Städter angewiesen. Denn sie brauchen auch Tee, Zucker, Salz und so einige andere Dinge. Dafür verkaufen Sie die Produkte, die sie selbst herstellen, oder wenn eine Hochzeit ansteht, auch schon einmal ein Kamel. Bei den Beduinen gilt eine strenge Rollentrennung zwischen Mann und Frau. Jeder hat seine feste Aufgaben, die Versorgung der Familie gehört zum Frauenbereich, die Versorgung der Tiere in den Männerbereich. Gibt es in einem Jahr wenig Wasser, müssen die Männer manchmal bis zu hundert Kilometer mit den Tieren wandern, während die Frauen bei den Zelten bleiben. In diesen Dingen unterscheiden sie sich kaum von den Sesshaften. Auch eine Hochzeit läuft im Großen und Ganzen kaum anders ab, allerdings sind Zweit- und Drittheiraten unter den Beduinen durchaus üblich, und diese werden weit kleiner gefeiert als die erste. Was die Beduinen von den Städtern und Bauern jedoch ganz wesentlich unterscheidet, ist ihr Stammesdenken, das hier in der Wüste eine ganz wichtige Rolle spielt. Die Genealogie ist von eminenter Bedeutung – das hat sich auch nicht durch den Islam geändert, der diese Strukturen mit seiner egalitären Religion eigentlich durchbrechen wollte. Streng genommen kann man sagen, dass die heutige nomadische Gesellschaft der alten arabischen Stammesgesellschaft noch sehr ähnlich ist – ein Phänomen! Betrachtet man jedoch das Leben in der Wüste, wird sehr schnell klar, wie wichtig die Zugehörigkeit zu einer festen Gruppe ist. Schließlich braucht man einander, um zu überleben.
Die Basis einer Stammesgesellschaft wie der beduinischen ist die Blutsverwandtschaft; die kleinste soziale Zelle ist die Kleinfamilie. Soweit unterscheiden sich Beduinen noch nicht von den Sesshaften. Die Großfamilie, also, Vater, Mutter und die Söhne mit ihren Frauen und Kindern bilden eine Zeltgruppe, die in Notfall und Kriegszeiten auch aus mehreren Großfamilien bestehen kann. Mehrere Großfamilien, die jedoch einen gemeinsamen Ahn haben müssen, sind dann sogenannte Clane. Hier unterscheiden sich die Wüstenbewohner von den Stadtbewohnern bereits stark, denn dort kennt man die Familie über den dritten Grad hinaus nicht mehr allzu häufig. In der beduinischen Gesellschaft jedoch ist dies noch nicht wirklich „weit verwandt“. Mehrere Clane bilden einen Unterstamm, mehrere Unterstämme dann einen Stamm. Und allen gemein ist der Urahn, der Stammesbegründer. Jeder Beduine kennt seinen Stammbaum (übrigens nur den väterlichen, denn die umherziehende Gesellschaft des Vorderen Orients ist rein patrilinear orientiert) der nicht selten viele Generationen zurück reicht. Dieser gemeinsame Ahn sorgt für ein Gefühl der Verbundenheit, das in der arabischen Völkerkunde auch als „asabiya“ bezeichnet wird. Das Wort geht auf Ibn Khaldun zurück, der im 14. Jh. lebte und den man bis heute auch als „Vater der Ethnologie“ bezeichnet. Er machte jahrelange Studien zur nomadischen Gesellschaft und zeichnete sie als die einzige aus, die sich nicht durch Kriege und Degeneration, Ibn Khaldun zufolge sichere Zeichen der Sesshaftigkeit, selbst zerstört. Er machte die tiefe Verbundenheit unter den Mitglieder eines Stammes für diese Selbsterhaltung verantwortlich. Ibn Khaldun schreibt in seiner „muqaddima“, der Einleitung zu dem wichtigsten arabischen Geschichtswerk überhaupt, bezüglich der Stärke der Beduinen: „Was die Stämme der Wüste betrifft, so halten ihre Scheichs und Großen sie untereinander mit Hilfe des Ernstes und der Achtung, welche ihnen in den Seelen der Allgemeinheit entgegen gebracht werden, im Zaum: und was die Zelte der Stämme betrifft, so verteidigen sie über die Mannschaft des Stammes hinaus die durch Tapferkeit bekannten mutigen und jungen Männer. Doch sind ihre Abwehr und Verteidigung nur dann wahrhaftig, wenn sie Asabiya besitzen und gemeinsamer Abstammung sind, weil dadurch ihr Kampfesungestüm verstärkt wird und man sich deshalb vor ihnen fürchtet. Denn der Stolz eines jeden auf seine Stammeszugehörigkeit und seine asabiya sind sehr wichtig“ (muqaddima, Übersetzung von 1900).
Damit dieses Zusammengehörigkeitsgefühl auch erhalten bleibt, heiraten die Mitglieder einer Stammesgesellschaft untereinander. Die Cousinenheirat wird dabei bevorzugt, da so Inzest ausgeschlossen werden kann. Noura und Dschamal sind auch Cousine und Cousin. Sie waren bereits einander versprochen, als sie noch kleine Kinder waren. Und Noura hatte großes Glück, als sie heirateten, denn Dschamal hat nur sie als Frau, und er möchte auch keine weitere. Das ist nicht unbedingt üblich, aber Dschamal sagt, viele Frauen, viel Ärger und beide lachen sie, wenn er es sagt.



Muriel Brunswig-Ibrahim in: KulturSchock Vorderer Orient, Reisen Know How

 
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