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Anekdoten

 

Anekdoten aus 1000 und 1 Nacht
Geschichten aus dem Orient - Wissenswertes und Nachdenkliches

Hizbollah - die Partei Gottes
Am 23. Oktober 1983 fuhr ein mit fünfeinhalb Tonnen Sprengstoff beladener Lkw ins Hauptquartier der US Navy im Süden Beiruts, detonierte und tötete mehrere hundert Amerikaner. Die Tat war bis ins letzte Detail geplant gewesen, doch bis heute herr-schen nur Spekulationen darüber, wer hinter diesem Anschlag – übrigens einer der ersten Selbstmordanschläge im Nahen Osten überhaupt – steckte. Nicht ganz zwei Jahre später trat eine Gruppe an die Öffentlichkeit, die sich „Partei Gottes“ nannte, auf Arabisch: „Hizbollah“. Sie bekannte sich zu Anschlägen, die 1982 ausgeführt wurden und ließ unklar, ob sie auch hinter dem Anschlag vom 23. Oktober 1983 steckte. Doch Experten gehen davon aus, dass auch diese Tat auf das Konto der Parteigänger Gottes ging. Der Anschlag vom 23. Oktober ist ein historischer, ähnlich wie der vom 11. September, da dabei nicht nur viele Menschen – alles „Feinde“ – starben, sondern weil er dazu führte, dass die Vereinigten Staaten, Frankreich und Israel ihre Truppen aus Beirut abzogen, diese drei mächtigen Staaten in die Knie ge-zwungen wurden - ein Unternehmen, das bis zu diesem Vorfall nie ausdenkbar ge-wesen war. Es war der erste „Erfolg“ einer radikalen, mörderischen, sich islamisch nennenden Gruppe. Die Hizbollah gründete sich als Reaktion auf die Besatzung des Südlibanons durch Israel mit der Hilfe des Irans. Für Chomeini galt der Libanon gar als ein Teil des Irans, „weil wir wie sie sind“. Die Hizbollah agierte zumindest in der Anfangsphase auch im Namen des Irans und setzte sich zum Ziel, den Levantestaat zu einer zweiten schiitischen Republik zu machen und – natürlich – den Zionismus, genauer gesagt, die israelische Besatzung des Südlibanons zu bekämpfen. Doch bald schon war klar, dass zumindest das erste Ziel unrealisierbar war. Der Libanon ist nicht wie der Iran. Hier konnte keine islamische Revolution statt finden, denn 40% der Bevölkerung des Libanons ist noch nicht einmal muslimisch, geschweige denn schiitisch. Doch die Partei Gottes lernte schnell und Scheich Fadallah, der geistige Mentor der Hizbollah formulierte daraufhin die Ziele der Partei neu: „Wir glauben an den Revolutionsexport. Aber da ist ein Unterschied zwischen dem Export als Ganzes und dem Export einiger Teile. Unter den gegebenen Umständen glauben wir, dass nur ihr Export in Teilen sinnvoll ist.“ Schikanen gegenüber den eigenen Glaubens-brüdern, wie Tschadorpflicht, oder das Verbot, dass Frauen und Männer gemeinsam feiern, wurden nur kurze Zeit nach ihrer Einführung wieder abgeschafft, da sie selbst die treuesten Anhänger vergraulten: „Nichts gegen eine Revolution“ fanden die liba-nesischen Schiiten, „aber was hat das mit meiner Frau zu tun?“.
Die Hizbollah begriff von Anfang an den politischen Marktvorteil, Dogma und Flexibili-tät miteinander zu verbinden. Gegründet zu Zeiten des Bürgerkrieges, wollten sie nicht einfach eine weitere Bürgerkriegspartei sein, sondern die „Partei Gottes“, die nicht gegen die Menschen im eigenen Land kämpft (auch wenn sie dies taten), son-dern gegen den äußeren Feind, das heißt, Israel und seine Verbündeten. Schließlich war dies ihr zweites Ziel, und nachdem das erste (s.o.) schon nur eingeschränkt möglich schien, sollte wenigstens dem zweiten mehr Erfolg beschert sein. Dabei hat-te die Hizbollah einen riesigen Vorteil: Die Israelis hielten die Schiiten lange für ihre Verbündeten im Kampf gegen die PLO und begriffen zu spät, dass sie mit der Beset-zung des Südlibanons sich einen Feind geschaffen hatte, der gefährlicher war, als alle anderen zuvor. Yitzak Rabin drückte es folgendermaßen aus: „Ich glaube, dass unter den vielen Überraschungen die gefährlichste die ist, dass der Krieg die Schiiten aus der Flasche ließ. Niemand sah das voraus (...). Wenn wir als ein Ergebnis des Krieges im Libanon den PLO-Terrorismus im Südlibanon durch den schiitischen Ter-rorismus ersetzt haben, haben wir das Schlimmste in unserem Kampf gegen den Terrorismus getan. In den 20 Jahren zuvor machte sich nicht ein PLO-Terrorist zu einer lebenden Bombe. In meinen Augen haben die Schiiten ein Potenzial für eine Art von Terrorismus, das wir noch nicht kennen“. Und Rabin sollte Recht behalten. Die Hizbollah bekämpfte die Israelis in der sogenannten „Sicherheitszone“ kontinuier-lich über viele Jahre hinweg und hatte dann endlich, im Jahre 2000, Erfolg: Die letz-ten israelischen Truppen zogen sich aus dem Libanon zurück und die Hizbollah stand als Sieger da. Alle erwarteten, dass die Partei nun den Kampf nach Jerusalem tragen wollte. Doch in der von Tausenden umjubelten Siegesrede sprach Scheich Nasrallah, der Sprecher der Hizbollah, nicht von weiteren Kämpfen, sondern vom Wiederaufbau des Landes.
In den 90er Jahren war aus der Partei Gottes – trotz ausdrücklicher Ablehnung des politischen Systems im Libanon – auch eine politische Partei geworden, die vielen ihrer radikalen Ideen aus der Anfangszeit abgeschworen hatte. So setzte sie bei-spielsweise auch nach 2000, dem Jahr des Abzugs der israelischen Truppen keine Menschen mehr als Waffe ein. Bei den Parlamentswahlen von 1996 errang die Partei acht der 27 für die Schiiten vorgesehenen Sitze. Sie gewann in der Bevölkerung mehr und mehr Ansehen, vor allem, als die Anschläge aufhörten und statt dessen ein soziales Engagement in den Vordergrund rückte. Die Hizbollah, einst radikal und menschenverachtend, baute Krankenhäuser auf, Schulen, Waisenhäuser und Reha-zentren. außerdem sorgte sie für den Wiederaufbau Beiruts nach dem Bürgerkrieg und schuf eigene Radio- und Fernsehsender. Diese sind nach wie vor antizionistisch (wie ein im Frühjahr 2006 im deutschen Fernsehen veröffentlichter Ausschnitt des Hizbollah-Senders al Manar zeigte, der blutige Bilder einer Kinder-Exekution zeigte), bilden für die Partei Gottes aber eine solide Existenzgrundlage und eine Legitimation für ihre weitere zivile Existenz. Tatsächlich spricht die Hizbollah heute nicht mehr von einem Gottesstaat, sondern von „politischer Verantwortung“. „Wir betrachten unser Bekenntnis zur Demokratie als strategisches Investment, denn welche Zukunft hätte es, gegen die Demokratie zu sein? (...) natürlich wollen wir den islamischen Staat, aber wenn es dafür keine Mehrheit gibt, dann eben nicht – oder später“, so zumin-dest lässt es der Hizbollah Fraktionssprecher Muhammad Ghat verlauten.
Seit 2002 steht die Hizbollah nicht mehr auf der Liste der terroristischen Vereinigun-gen der EU, obschon Israel nach wie vor versucht, der Partei diesen Stempel aufzu-drücken und so Bombenangriffen auf den Libanon zu legitimieren.


Muriel Brunswig-Ibrahim in: KulturSchock Vorderer Orient, Reisen Know How

 
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